#DJHmachtstark: Unser Familienblogger-Wochenende für mehr Toleranz und weniger Mobbing

Es sind die fünfzehn wohl berührendsten Minuten des Familienblogger-Wochenendes in der Jugendherberge Nottuln: Sven Fritze und Thorsten Kröber von Helden e.V. zeigen einen Kurzfilm, der leise und doch eindringlich offenbart, welche schrecklichen Folgen Mobbing an Schulen haben kann. Es ist der Einstieg zu ihrem zweistündigen Workshop, in dem sie über den Verlauf von Mobbing unter Schülern und die Rollen aller Beteiligten aufklären werden. Draußen vor dem Fenster toben die insgesamt 27 Kinder der teilnehmenden Bloggerfamilien mit den DJH-Teamern Niklas, Mehmet und Sema durch die Herbstsonne. Gelächter und wildes Rufen dringt durch das gekippte Fenster. Lebensfrohe Töne einer unbeschwerten Kindheit. Unser Wunsch: Diese Unbeschwertheit sollen sie und andere Heranwachsende nicht durch Anfeindungen und vorurteilsbehaftete Ausgrenzung verlieren! Dafür haben wir #DJHmachtstark auf die Beine gestellt. Und für eine unterhaltsame vielseitige Familienzeit, in der BloggerInnen vom Alltag abschalten und in Ruhe kennenlernen können, was Jugendherbergen von heute ausmacht.

#DJHmachtstark: Familienalltag analog organisieren

Freitagnachmittag. Nach und nach trudeln die Bloggerfamilien aus allen Teilen Deutschlands ein. Reisen mit Kindern ist immer eine ganz schön herausfordernde Sache, Staus auf den Autobahnen und verspätete Züge machen das Ganze nicht leichter. Für den Anreisetag hatten wir daher bewusst kreative Inseln für Groß und Klein, Outdoor-Spiele für die Kinder sowie eine gesellige Lagerfeuerrunde mit Stockbrot geplant. Erstmal ankommen, durchatmen, die anderen Kennenlernen und sanft ins Thema des Wochenendes starten.

Unterstützt werden wir dabei von Melanie Robinet alias Fräulein Süssholz. Sie gibt uns eine Einführung in das Thema „Bullet Journal“. Darunter versteht man die Methode, mittels Handlettering Termine, ToDos und Pläne in einem dafür vorgesehenen Heft festzuhalten. Im Mittelpunkt des Workshops steht die Frage, wie man diese Methode für den Familienalltag nutzen kann, der gewöhnlich voll von Terminen und Erledigungen ist.

Schnell kommen wir über unser derzeitiges Zeitmanagement ins Gespräch. Während einige uneingeschränkt auf digitale Kalender und Listen setzen, berichteten andere, dass sie auch in Zeiten von Smartphone und Siri noch erfolgreich mit Zettel und Stift unterwegs sind. Deutlich wird aber in jedem Fall eins: Familienalltag braucht bei allen Organisation. Und wie schön die aussehen kann, das bringt uns Fräulein Süssholz jetzt bei.

#DJHmachtstark: Einfach Kind sein – drinnen und draußen

Während ihre Eltern im Seminarraum ordentlich mit feinen Stiften ihre Bullet Journals füllen, geht es direkt vor dem Raum deutlich wilder und bunter zu. Nach einigen Kennenlernspielen unter freiem Himmel haben sich fast alle Kinder um den Basteltisch versammelt und kleben, schneiden, malen und glitzern was das Zeug hält. Die ersten Tiermasken des Wochenendes entstehen – im Laufe der kommenden zwei Tage soll die Lust daran nicht vergehen. Das ganze Wochenende über finden sich die Kleinen hier zusammen, schon vor dem Frühstück sind sie eifrig mit Farben, Federn und Falten beschäftigt. Genauso beliebt: die Indoor-Spiellandschaft im Untergeschoss der Jugendherberge. Hier hangeln sich die jungen Gäste von früh bis spät durch die Hängeseile, hüpften lauthals über die Matten oder forderten ihre Väter beim Airhockey zum Duell heraus.

Wir haben große Freude daran zu beobachten, dass am #DJHmachtstark-Wochenende passiert, was wir auch im normalen Alltagsbetrieb beobachten: der Radius der Kinder auf dem Gelände wird von Stunde zu Stunde größer, bereits am zweiten Tag laufen sie ohne ihre Eltern durchs Haus als wären sie schon ewig da. Und die Eltern? Können entspannt am Frühstückstisch sitzen bleiben oder mit anderen Eltern schnacken – wohlwissend, dass sich ihr Nachwuchs gut zurechtfindet.

Nach dem Abendessen ist in vielen Bäuchen noch Platz für Stockbrot. Wir sitzen mit Mützen auf dem Kopf unterm Sternenhimmel, halten unsere Stöcke in die Flammen. Verspätet anreisende Familien gesellen sich hinzu, einige Kinder spielen im Dunkeln Fangen. Plötzlich ein Weinen am Rande. Kira sitzt im Gras, schluchzt. Neben ihr knien Lya-Kristina und Greta und fragen, was los sei. „Ihr seid einfach ohne mich weggegangen“, antwortet Kira verzweifelt. „Das war keine Absicht. Wir dachten, Du kommst nach“, sagen die anderen Mädchen, die versuchen zu trösten. „Komm, wir gehen zu dritt rein. Wir basteln Dir eine Blume, damit Du wieder fröhlich bist.“ Alle drei stehen auf, ein letztes Schluchzen von Kira, dann verschwinden die Mädchen in der Jugendherberge.

Es sind manchmal solche kleine Missverständnisse unter Kindern, die verletzen können. Doch je älter Kinder werden, desto häufiger sind es ganz gezielte Beleidigungen und Übergriffe, die absichtlich verletzen sollen. Das können auch zwei Eltern am Lagerfeuer berichten. Ihre Kinder wurden bereits in der Grundschule Opfer von Mobbing. Nicht nur sie sind daher entsprechend gespannt auf den Input von Helden e.V. am nächsten Tag.

#DJHmachtstark: Was tun bei Mobbing?

Der Blick der Helden auf das Problem von (Cyber-)Mobbing an Schulen ist kein theoretischer. Regelmäßig arbeiten sie in mehrtägigen Workshops mit betroffenen Schulklassen, außerdem bekommen sie häufig direkte Nachrichten von Mobbing-Opfern und kennen die schlimmen, manchmal lebensbedrohlichen Folgen daher gut. Was sie ebenso gut wissen: Wie Mobbing entsteht, welche Phasen es durchläuft und welche wichtigen Rollen vor allem Mitschüler und Lehrer dabei spielen (Über die Arbeit von Helden e.V. haben wir Euch bereits in einem eigenem Artikel mehr berichtet).

Über all diese Punkte klären uns Sven und Thorsten am Samstagvormittag auf. Sie sensibilisieren uns dafür, dass nicht nur das Verhalten von Opfer und Täter/in über den Verlauf eines Mobbing-Falls entscheiden, sondern auch die Reaktionen der im direkten Umfeld vorhandenen Menschen. Würden die Angriffe auf das Opfer stillschweigend von einer Schuklasse toleriert oder sogar noch angeheizt, sei es schwer, das Mobbing zu durchbrechen. Und auch das Lehrerkollegium und die Schulleitung haben einen gewichtigen Einfluss auf den Verlauf.

Was uns alle aber natürlich interessiert: Was können Eltern tun? Sven gibt zunächst folgende Tipps: „Ihr solltet auch Kleinigkeiten ernst nehmen und hellhörig werden, wenn das Kind plötzlich keine Namen mehr erwähnt oder merkwürdige Geschichten aus dem Schulalltag berichtet. Wird Euer Kind gemobbt, dann sprecht unbedingt mit der Schulleitung und lasst Euch dort keinesfalls abwimmeln. Haltet Euer Kind über Eure Schritte auf dem Laufenden, aber sprecht nicht jeden Tag über das Mobbing. Euer Kind ist dem ja jeden Tag in der Schule ausgesetzt, da sollte es zuhause Ruhe bekommen.“ Außerdem machen Thorsten und er auf sieben Fehler aufmerksam, die Eltern und Lehrer häufig begehen, wenn ein Kind gemobbt wird:

7 Fehler beim Umgang mit Mobbing
  • Als Eltern des Opfers mit den Eltern des Täters / der Täterin sprechen.
  • Als Eltern des Opfers mit dem Täter/ der Täterin sprechen.
  • Das Opfer mit zu den Lehrergesprächen nehmen.
  • Als Lehrer den speziellen Fall vor der Klasse verhandeln.
  • Als Lehrer nach kurzfristiger Besserung in einem Mobbing-Fall bald wieder lockerlassen.
  • Als Lehrer Mobbing auf die Persönlichkeit des Opfers zurückführen.
  • Das Opfer aus der Klasse nehmen.

Zwei Stunden sind viel zu schnell vorbei, mit dem Wissen von Helden e.V. sowie den Erfahrungen und Fragen der teilnehmenden Blogger hätten wir locker den ganzen Tag füllen können – doch das Nachmittagsprogramm ruft. Nach dem Mittagessen fahren wir ins Grüne, an einen Ort, der sich für die Kinder wie erwartet als Paradies entpuppte: zum Abenteuerhof Bagert, der nur wenige Kilometer von der Jugendherberge Nottuln entfernt liegt.

#DJHmachtstark: Familienzeit zwischen Heuballen und Eseln

Paradiesisch geht es bereits bei der Ankunft los: Wir werden mit frichgebackenen Waffeln begrüßt. Und wie im Schlaraffenland änderte sich an dieser süßen Verpflegung auch in der nächsten Stunde nichts. Johannes Bagert und seine Frau versorgen uns gastfreundlich mit dem teiggewordenen Geschmack von Kindheit und stellen dazu noch dampfenden Tee und Kaffee auf die Tische. Aber es gibt viel zu viel zu entdecken, um lange am gedeckten Tisch zu sitzen: Ziegen streicheln, Esel füttern, durchs Heu tollen, Eier bei den Hühnern suchen, im Matsch schaufeln, mit Kindertreckern über die Wiesen fahren – die Möglichkeiten sind schier endlos und die Kinder wollen nichts davon verpassen.

Es ist ein Familienherbstnachmittag wie im Bilderbuch. Dass Petrus uns mit so viel Sonne verwöhnen würde, hatten wir nicht zu hoffen gewagt. Wie auch in der Jugendherberge können die Erwachsenen die meiste Zeit einfach zuschauen, wie sich ihre Spösslinge miteinander und auf dem Hof vergnügen. Dabei sein, ohne ständig gefordert zu sein – eine wohltuende Situation für Eltern, die im Alltag viel zu stemmen haben. Die einzige, aber große Herausforderung an diesem Nachmittag: ihre Kinder davon überzeugen, wieder zurück in die Jugendherberge zu fahren. Die Aussicht auf das gemeinsame Abendbrot und der Hinweis auf die Spielmöglichkeiten vor Ort können die zunächst enttäuschten Kleinen besänftigen. Und spätestens als sie nach dem Abendessen mit der Info überrascht werden, dass es noch eine Nachtwanderung gibt, ist der Abschiedsschmerz vom Abenteuerhof vergessen.

 #DJHmachtstark: Bücher über Vielfalt und Toleranz

Während mehr als die Hälfte der Kinder mit Niklas, Mehmet und Sema durch die Dunkelheit streifen, dabei Lieder singen und kleine Mutproben absolvieren, versammeln sich die Erwachsenen im Indoor-Spielbereich. Ein guter Ort für die Bücherschau zum Thema „Bücher für glückliche Kinder in einer vielfältigen Gesellschaft“, für die Rike Drust am Nachmittag aus Hamburg angereist war. Rike kennt man vor allem als Autorin der beiden Bücher „Muttergefühle“, die auf unterhaltsam-einfühlsame Art schildern, was es heute für den Alltag und das Selbstverständnis bedeuten kann, ein Kind zu bekommen. Aber man kennt sie auch wegen ihres Instagram-Accounts „kinstabuch„, wo sie regelmäßig auserlesene Kinderbücher vorstellt, die in besonderer Weise die Diversität unserer Gesellschaft aufgreifen und vermitteln, dass jeder Mensch Achtung verdient.

Einige dieser Titel hat sie uns an diesem Abend mitgebracht. Bevor sie uns diese vorstellt, berichtet Rike ganz allgemein, auf welche Dinge sie bei der Auswahl von Büchern für ihre Kinder achtet. „Dass das Verhältnis zwischen männlichen und weiblichen Figuren ausgewogen ist“ zum Beispiel. „Dass nicht nur klassische Familienkonstellationen dargestellt werden“ und „dass auch mal ordentlich Quatsch erzählt wird, der Humor und Phantasie ankurbelt“. Danach blättert sie mit uns durch die mitgebrachten Bücher – bis die Kinder von der Nachtwanderung zurückkommen.

Einige von uns bleiben noch sitzen und sinnieren mit Rike über die Frage, ob man eigentlich zu viele Bücher kaufen kann und welche Verlage man unbedingt beobachten sollte. Die anderen bringen die Kinder ins Bett, manche lesen dabei vor. Denn als kleine Überraschung hatten wir allen Familien ein oder zwei Bücher, die Rike uns im Vorfeld empfohlen hat, aufs Zimmer gelegt. An dieser Stelle nochmal ein herzliches Dankeschön an die Verlage Carlsen und Oetinger, die uns die Bücher zur Verfügung gestellt haben!

#DJHmachtstark: Selbstbewusstsein bei Kindern fördern

Sonntagmorgen – und zack, nähert sich das Wochenende schon seinem Ende. Doch bevor wir uns alle verabschieden müssen, widmen wir uns noch einem gewichtigen Thema: Resilienz. Annika von nature.concepts, seit 10 Jahren erlebnispädagogischen Programmpartner der Jugendherbergen zwischen Nordsee und Sauerland, schärft unseren Blick auf die Möglichkeiten, die Widerstandsfähigkeit von Kindern zu fördern. Denn wer widerstandsfähig ist, der wird mit hoher Wahrscheinlichkeit kein Opfer von Mobbing. Widerstandsfähige Kinder wissen, was sie können, was sie sich zutrauen wollen und wo ihre Grenzen sind. Sie sind im wahrsten Sinne des Wortes selbstbewusst.

Was Kinder dafür brauchen, ist unter anderem die Kompetenz, ihre eigene Gefühlswelt wahrnehmen und benennen zu können. Ein gutes Hilfsmittel für Kinder könnten Gefühlskarten sein, also Abbildungen von Gesichtsausdrücken, so Annika. Welchen Zugang zu ihren Emotionen Heranwachsende in welchem Alter haben können, stellt sie uns ebenfalls dar.

Die eigenen Fähigkeiten gut einschätzen zu können, sei für Kinder ebenfalls enorm wichtig: Wo liegen meine Stärken, wo meine Schwächen? Annika verteilt als Übung eine Blume an alle Workshop-Teilnehmer. „Bitte schreibt doch in die Blütenblätter alle Dinge, die Euer Kind schon besonders gut kann.“ Die Mütter und Väter greifen zum Stift, schreiben los. Bei niemandem bleiben Blüten leer – sehr zum Erstaunen und zur Freude von Annika. „Ob Ihr es glaubt oder nicht, das habe ich bislang selten erlebt. Vielen Eltern fällt nach drei, vier Dingen nichts mehr ein. Ihr habt wirklich einen sehr liebevollen und bestärkenden Blick auf Eure Kinder.“

Wir bekommen je eine aufgemalte Gießkanne und eine Sonne. „In die Sonne schreibt bitte, was Ihr Euren Kindern geben könnt, um ihre Fähigkeiten und ihre Zuversicht zu stärken. In der Gießkanne notiert, was andere Menschen aus Euren Umfeld – Großeltern, Lehrer, Freunde, Paten zum Beispiel – Eurem Kind geben können, um gut zu gedeihen.“ Ein Wort steht am Ende auf jedem Papier: Liebe.

Ganz ohne erlebnispädagogische Spiele entlässt uns Annika natürlich nicht. Es geht nach draußen. Wir machen Vertrauensübungen und sprechen über Komfortzonen. Darüber, dass Mut etwas sehr individuelles ist und Kinder sich trauen müssen, in ihrem persönlichen Tempo neue Herausforderungen anzugehen. Darüber, dass wir Eltern probieren sollten, unsere Kinder weder zu überfordern noch unnötig eng zu begleiten und so ihre Entwicklung aufzuhalten.

Und am Ende steht jeder von uns inmitten von goldenem Herbstgras auf eine Eisscholle. Eisschollen, die eigentlich kleine Teppichquadrate sind. Sie liegen weit voneinander entfernt und unsere Aufgabe ist es, alle einige Meter weiter in ein Ziel zu kommen, ohne von unseren Schollen ins (Blätter-)Meer zu fallen. Verlassen werden dürfen die Schollen nicht, geschmissen auch nicht. „Das kann gar nicht klappen“, raunt jemand in der Gruppe. Aber doch, es klappt. „Und darauf müssen wir auch unsere Kinder im Alltag immer wieder hinweisen“, resümmiert Annika. „Nur weil etwas schwer erscheint, ist es nicht unmöglich. Man muss es einfach ausprobieren.“

Gegen 13 Uhr ist Schluss. Koffer werden in Autos verstaut, TeilnehmerInnen gedrückt, die letzten Bastelreste aufgeräumt. Ein Wochenende voll von Impulsen für den Familienalltag und das Leben mit Kindern geht zuende. Ein Wochenende, an dem  Kinder begeistert und unbeschwert miteinander und auch allein gespielt haben. Ein Wochenende an dem Eltern ein paar Anregungen bekommen haben, wie diese Unbeschwertheit möglichst lange bewahrt werden kann.

So sollte es sein.

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Einige Eindrücke von #DJHmachtstark seht Ihr in unseren Instagram-Highlights. Außerdem haben folgende Blogs bereits über das Wochenenende berichtet:

Beatrice Confuss

Kurmel mal 5

Lotte & Lieke

Nakieken – Ein buntes Familienblog aus Ostfriesland

Mamas Kiste

Schwesternliebe & Wir

Sonea Sonnenschein

2plus4sindwir

Mit Kindern leben – der Podcast

Herzlichen Dank für Eure Berichterstattung. Ein besonders Dankeschön geht auch an René Weides, der Fotos für diesen Artikel zur Verfügung gestellt hat. Last, but not least danken wir unseren Unterstützern: purepaper, Sketchnotes by Diana, Carlsen und Oetinger!

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