Der Zauber von Zw’ahn: 50 Jahre DJH Segelschule

Vorleine los – Fahrt achteraus! Was Hans Günter Oltmann wohl gedacht haben muss, als er 1968 am Ufer stand und die Worte zum ersten Mal auf das Zwischenahner Meer rief? Nun: Sicher war er unglaublich stolz, schließlich hatte er gerade eine Segelschule gegründet. Aber das ein halbes Jahrhundert später am selben Ort mehr als 200 Menschen zusammenkommen, die die Liebe zum Segeln entdeckt haben – das hätte sich der Nordbremer sicher nicht erträumen lassen. Seit 50 Jahren geht es mit Jollen, Lasern und Zugvögeln raus aufs Wasser. Und das komplett ehrenamtlich organisiert! Klar, dass da eine Menge Herzblut und wunderbare Geschichten drin stecken. Wir waren bei der Jubiläumsfeier der DJH Segelschule vor Ort, um sie zu entdecken.

Frank Reinbooth kann es nicht fassen. Reißt die Augen sperrangelweit auf, schlägt die Hände an die Wangen. Reckt den Kopf in die Höhe, soweit wie es nur geht, um über all die Menschen zu schauen, die zwischen ihm und dem Zwischenahner Meer stehen. Und dann entdeckt er Goldfisch, strahlend orange, wie er im Wasser schwimmt. Beziehungsweise: sie, denn Goldfisch ist eine Jolle. Eine von fünf, die der Segelschule heute feierlich zum Jubiläum als Geschenk vom Landesverband Unterweser-Ems übergeben werden.

Es ist Samstagnachmittag in der Jugendherberge Bad Zwischenahn, der Himmel etwas grau, büschen Wind, wie man hier im Norden sagt. Büschen Wind ist immer gut, wenn es ums Segeln geht, aber heute ist das Wasser auch unruhig, Plitsch und Platsch und Plumps, die alten Boote der DJH Segelschule, tanzen wild zwischen den Stegen auf der aufgewühlten Wasseroberfläche. Frank wirft einen prüfenden Blick zum Himmel, reckt dann den Daumen nach oben. „Wird schon werden“, sagt der Teamer mit leicht sächsischem Zungenschlag und lächelt. Wenn man wie er seit zwei Jahrzehnten zum Segeln in den Norden kommt, hat man an Wetter schon alles erlebt.

Frank ist seit mehr als 20 Jahren Teil der DJH Segelschule. Ehrenamtlich, denn das ist das ganz besondere Merkmal des Vereins: Jeder, der hier mitwirkt, tut es aus Spaß am Segeln und aus der Freude an der Gemeinschaft, freiwillig in seiner Freizeit. Frank nimmt dafür seinen Urlaub und reist den weiten Weg aus Leipzig ins Ammerland, um hier anderen Menschen beizubringen, was ihn am meisten begeistert: das Segeln. „Raus aufs Wasser, an nichts anderes mehr denken, eins mit der Natur sein“, sagt er, „das ist für mich Freiheit.“

Axel Blees weiß, wovon Frank spricht: „Nur mit der Natur zu arbeiten, Wind und Wellen zu nutzen und dabei ohne Motor voranzukommen – das hat mich von Anfang an am Segeln fasziniert.“ Von Anfang an heißt: seit 1993. Da hat Axel drei Wochen in der Jugendherberge verbracht, einen Segelgrundkurs und seinen Sportbootführerschein gemacht. Und ist direkt im nächsten Jahr als Teamer zurückgekommen: „Hier wurde wirklich gelebt, was das DJH sich auf die Fahne schreibt: Gemeinschaft. Das fand ich toll.“ Heute ist er selbst stellvertretender Vorstandsvorsitzender des Landesverbands Unterweser-Ems. Die Segelschule hat er viele Jahre geleitet und vor Kurzem an die nächste Generation übergeben. „Es erfüllt mich mit Stolz und macht mich sehr glücklich, zu sehen, dass die Segelschule als hundertprozentig ehrenamtlich geführte Einrichtung mit 80 Teamern so gut funktioniert und so viele Menschen begeistert.“

Wie viele Menschen das sind, das kann man an diesem Samstagnachmittag sehen: Knapp 200 Gäste tummeln sich auf der großen Wiese hinter der Jugendherberge, und so gut wie jeder hat mindestens schon einmal in seinem Leben an dem hölzernen Anleger abgelegt und sich auf einer der Jollen vom Wind auf das Zwischenahner Meer pusten lassen. 50 Jahre, die wollen gefeiert werden! Doch statt Anzüge und Festkleider sieht man hier vor allem: verschmierte Latzhosen und rote Schutzwesten. Und strahlende Gesichter, viele strahlende Gesichter, denn dieser Jubiläumstag ist für die meisten auch wie ein großes Klassentreffen.

Klar, dass hier auch Geschichten aus fünf Jahrzehnten die Runde machen. Im Bootsschuppen laufen verwackelte Videos und hängen Fotos aus der Zeit. Bilder, die Frank noch mit langen Haaren zeigen, zum Beispiel, und eines, auf dem Monika und Jörg Krewer zu sehen sind. Die beiden haben sich 1989 in einem A-Schein-Kurs kennen gelernt, da hatte Monika noch einen anderen Nach- und Jörg einen Spitznamen: Lord Kenterböri – weil das gezielte Kentern ihm besonders viel Spaß machte. Die beiden verliebten sich bei einem Nachtreffen des Kurses und fuhren fortan jedes Jahr in die Jugendherberge Bad Zwischenahn, um zu segeln. Und als Jörg dann 1993 mal wieder mit seiner Moni und dem Laser II über Kopf ging, entdeckte sie eine Aufschrift am Unterboden des Bootes: Monika, wir passen zusammen! Möchtest Du meine Lady Kenterböri sein? Sie sagte ja, natürlich, und im nächsten Jahr feiern die beiden ihre Silberhochzeit.

Hach ja, die Liebe! Die Krewers waren natürlich nicht die einzigen, die in der Segelschule nicht nur ihre Leidenschaft fürs Segeln, sondern ebenso für einen der Teilnehmer entdeckt haben. Auch Wolfgang Oltmann – Sohn von Hans Günter Oltmann, der 1969 die Segelschule mit zwei geliehenen Jollen gründete – lernte hier seine Frau Martina kennen. „Das war damals großes Glück für mich, dass ich ihm im Kurs begegnen durfte“, sagt sie, während sie am Ufer des Zwischenahner Meers steht. Draußen, in der leicht stürmischen See, sind ihr Mann und ihre Tochter Frauke nur noch schemenhaft zu erkennen, wie sie sich mit ihrem Boot in den Wind schmeißen, der nun immer stärker aufzieht. „Das war eine aufregende Zeit.“ Heute bedeute Segelschule für sie: ein Stück Familie – auch, wenn sie mit ihrem großen Segelboot nur noch selten in Bad Zwischenahn, sondern eher auf Nord- und Ostsee unterwegs sind. „Aber hierher zurückzukehren hat immer etwas Magisches.“

Magisch. Oder wie Eva Hahn es nennt: „Der Zauber von Zw’ahn“. Die 36-jährige Juristin liebt das Wasser, liebt es, den ganzen Tag draußen zu sein auf dem Meer, liebt das ganze Handwerkliche drumherum, das Ziehen und Schnüren und Knoten. 2001 hat sie den Grundkurs gemacht. „Seitdem bin ich infiziert“, sagt sie und lacht. Viele gute Freunde hat sie hier kennen gelernt; und wenn sie sich jetzt so umschaut von der Holzbank vor dem Bootsschuppen, den sie selbst mit aufgebaut hat, und all die Menschen sieht – „da kriege ich Gänsehaut“. Fünf Jahre hat sie mit dem Team das Jubiläum organisiert, in ihrer Freizeit, für diesen Moment. „Es ist schön zu sehen, dass alle hier dasselbe fühlen, wie ich.“ Was das ist? Eva überlegt. „Glück. Es ist einfach Glück, dass man Teil dieser großen Geschichte sein darf.“ Ihr persönlicher Höhepunkt: Silvester mit den anderen Teamern. „Wir saßen erst ums Lagerfeuer, haben gesungen und geschnackt, und dann am Steg das Feuerwerk beobachtet. Das ist etwas ganz Besonderes.“

Nur wenige Meter entfernt, in einer großen Gruppe von Menschen, die lachen und erzählen und sich immer wieder in die Arme fallen, wenn jemand Neues dazustößt, steht Ulf Grotheer. Der 57-Jährige ist seit 1977 Teil der Segelschule, hat als Teilnehmer angefangen und ist irgendwann zum Leiter aufgestiegen, bis er den Posten an Axel Blees abgegeben hat. „Die ganzen alten Verbindungen flammen gerade wieder auf“, sagt er mit strahlenden Augen. Und die Erinnerungen auch: Wie sie damals noch in riesigen Schlafsälen untergebracht waren, sich nur alle paar Tage in Duschsälen waschen konnten, in denen man das Wasser mit einem Vierkantschlüssel zum Laufen bringen musste. Wie sie alte Seemannslieder am Feuer sangen. Wie jeder, der gekentert war, eine Flasche Apfelkorn ausgeben musste. Manches hat sich geändert, die Unterbringung ist komfortabler und der Korn zum Sherry geworden, aber eines ist geblieben: die Gemeinschaft. „Dadurch, dass sich wildfremde Leute zwei Mal am Tag zu einem Team zusammentun, ein Boot vorbereiten und dann raus aufs Wasser und ein Abenteuer bestehen müssen, entstehen gemeinsame Erfolgserlebnisse“, sagt er. „Das schweißt zusammen – manchmal sogar fürs Leben.“

Und über Generationen hinweg. Denn während er es nur noch selten nach Bad Zwischenahn schafft, ist seine Tochter Carina Grotheer regelmäßig vor Ort. „Mein Vater hat mir immer die tollsten Geschichten aus der Segelschule erzählt“, erinnert sich die 25-Jährige. „Ich wollte eigentlich nur prüfen, ob er maßlos übertreibt. Aber schon beim ersten Mal habe ich gemerkt: das stimmt alles.“ Auch, wenn das Segeln körperlich anstrengend sei, mache es Spaß. „Man lässt den Alltag komplett hinter sich, spürt nur noch den Wind um die Nase, alles andere ist vergessen. Und dann kommt man zurück ans Festland und ist erschöpft – aber glücklich.“

Während Carina erzählt, läuft Frank an ihr vorbei. „Geht’s jetzt raus?“, ruft sie ihm zu? „Ja, endlich“, antwortet Frank mit breitem Grinsen, streift sich die Weste über und rennt zum Steg. Springt in das neue grüne Boot, den „Orca“, den der Landesverband der Segelschule geschenkt hat. „Eine große Anerkennung“, sagt Frank, der das auch als Zeichen sieht, dass es die Segelschule noch lange geben wird. Er kniet auf dem Boden des Bootes, zieht – hau-ruck! – an den Seilen, beugt sich unter der Stange mit dem Segel hindurch. Alles klar bei Vorleine? Ist klar, ruft Frank. Na dann: Vorleine los. Fahrt achteraus!  

Drei Generationen Segelschule: Unsere Sandra hat sich mit den Oltmanns getroffen – und sich einmal ganz persönlich erzählen lassen, wie die DJH Segelschule die Familie verändert hat. Lesen könnt Ihr den Beitrag hier. Wenn Ihr mehr zu den Segelfreizeiten erfahren wollt, schaut Euch doch mal hier um – oder lest hier unsere Reportage aus dem Segelkurs. Und wenn Ihr die Jugendherberge Bad Zwischenahn besuchen wollt, klickt einfach hier

1 Kommentar Schreibe einen Kommentar

  1. Eine tolle Geschichte voller Leben, Episoden, Tradition mit Herz und Leidenschaft!
    Als Leipziger habe ich Frank natürlich auch über das Segeln kennengelernt. Und mir stand er auch gern bei und packte mit zu, um als frisch gebackener Eigner eines kleinen Kielbootes schneller zurecht zu kommen. Ein Segler durch und durch!
    Alles Gute und viele Grüße!
    Peter

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