Nachgehorcht bei… Aufsichtsratsmitglied Dr. Werner Müller-Hirschfeld

Portrait Werner Müller 3

 

Wie lässt sich das Reisen für Kinder und Jugendliche optimieren? Wie haben sich die Bedürfnisse Über die Zeit verändert? Und wie müssen sich die Jugendherbergen darauf einstellen? Mit diesen Fragen beschäftigt Dr. Werner Müller-Hirschfeld. Der Geschäftsführer des Vereins Transfer e.V. ist Mitglied des Aufsichtsrats der Jugendherbergen im Landesverband Unterweser-Ems e.V. und spricht im Interview darüber, warum Eltern ihre Kinder zum Reisen ermutigen sollten, welche Rolle Flüchtlingsarbeit spielt und was er als langjähriger DJ von einer Hymne für die Jugendherbergen hält.

Herr Müller-Hirschfeld, Sie sind Geschäftsführer von transfer e.V., was tut dieser Verein genau?

Das, was wir machen, ist eine ziemlich einmalige Sache. Der Verein hat eine Ausrichtung auf die gesamte Bundesrepublik und bekommt Mittel von den Behörden für zwei bis drei Themen. Das erste Thema ist dabei Jugend und Gesundheit. Als Zweites gibt es die interkulturelle Jugendbildung und das dritte Thema ist die Weiterentwicklung von inhaltlichen Aspekten des Kinder- und Jugendreisens und dessen Optimierung. Alle drei Dinge haben dabei auch schon mit Jugendherbergen zu tun gehabt. Es geht in dem Zusammenhang immer um die Zielgruppe der Multiplikatoren, also den Transfer zu schaffen bei Programmen für Kinder und Jugendliche. Dabei stehen konkret die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen und die Arbeit für Kinder und Jugendliche im Vordergrund.
Die besondere Aufgabe ist, dass wir Jahr für Jahr im ganzen Bundesgebiet bei Interessierten der drei Themen herausfinden: Wo drückt der Schuh? Wo ist es schwierig? Wo habt ihr Austauschbedarf oder braucht Unterstützung? Dafür bekommen wir, wenn man den Gesamtetat sieht, 70 Prozent der Finanzierung vom BZgA. Heißt im Klartext: Die Jugendherbergen bieten in ihren Häusern Programm an, und wir eine Vielzahl von Prozessen und Veranstaltungen, ob kleine Arbeitsgruppen oder Schulungsseminare oder aber große Konferenzen. In dem Zusammenhang erstellen wir dann Handreichungen, Publikationen oder Newsletter oder führen Einzelberatungen durch. Es ist aber wirklich, sehr, sehr komplex, was wir machen. Im Bezug auf das Interkulturelle arbeiten wir natürlich auch an Themen wie der Flüchtlingssituation. Deswegen gibt es über die inhaltlichen Themen hinaus auch noch besondere Schwerpunkte, die wir zusammen mit Schulen und Hochschulen erarbeiten, um diese mit den Jugendherbergen zusammenzubringen und einen besonderen Schwerpunkt aus Forschung und Praxis zu erzielen.
Vernetzung ist das Stichwort, und daraus fruchtbare Produkte für die Gesamtszene zu erarbeiten, das ist – glaube ich – eine gute Zusammenfassung unserer Arbeit.

Welche zentralen Bedürfnisse erkennen Sie und Ihre Kolleginnen derzeit bei Jugendlichen?

1. Grundsätzlich wollen Jugendliche Bescheid wissen, was man alles machen kann, um zu reisen und die Welt zu sehen, sowohl individuell als auch durch organisierte Fahrten. Da ist das Interesse angestiegen. Je geblideter die Familie, aus der die Jugendlichen dabei kommen, desto mehr Mut und Unterstützung ist da; und je bildungsferner Familien sind, desto schwieriger ist es und desto weniger Informationen gibt es. Zielgruppengerechte Beratung ist also gefragt. In den letzten Jahren haben wir viele Bringangebote gemacht, um geeignete Formate zu schaffen, damit viele Menschen Bescheid wissen.
2. Dann haben wir da alles, was mit mobilen Endgeräten zusammenhängt – und die Frage, wie das zu Kinder- und Jugendreisekonzepten passt. Der Kontakt zwischen den Kindern heute ist völlig anders als früher und das verändert die Gruppendynamik, auch für das in Kontakt bleiben nach einer Freizeit.
3. Bei Älteren gibt es außerdem einen großen Bedarf bei der Unterstützung für die Zukunft und der Lebensplanung. Was kann ich besonders gut? Womit möchte ich später mein Geld verdienen? Wie muss ich mein Leben entwickeln, damit ich glücklich werde? Diese Fragen können Eltern heute immer seltener beantworten und auch die Schule behandelt das immer weniger. Da helfen natürlich Talentworkshops und andere Angebote, mit denen wir gute Erfahrungen gemacht haben, diesen Jugendlichen etwas für ihren Weg mitzugeben.
4. Generell gibt es auch immer die Frage danach, wie man gemeinsam etwas machen kann, wo etwas bei rauskommt. Freizeiten wie die Filmwerkstatt, die Zirkusfreizeit in Meppen oder das OLB-Musik-Camp sind dafür tolle Beispiele, die sich bewährt haben, Spaß machen und wo man hinterher etwas für sich mitnimmt.
5. Was uns sehr beschäftigt sind natürlich auch die Flüchtlingskinder und die Frage, wie wir Kinder und Jugendliche in die Integration einbeziehen können. Muslime kennen es zum Beispiel nicht, dass Kinder und Jugendliche alleine verreisen. Dort hat Familie einen ganz anderen Stellenwert. Wir gehen aber oft davon aus, dass das selbstverständlich ist. Dieser Zielgruppe muss das auch vermittelt werden und es gibt viele Ängste, vielleicht sogar zu viele.

Welche Rolle können die Jugendherbergen in diesem Zusammenhang übernehmen?

Erstmal muss in Jugendherbergen eine touristische Unterkunft und Verpflegung gegeben sein. Da hat sich in den letzten Jahren viel getan. Das, in Zusammenhang mit der Voraussetzung für ein gutes Programm mit pädagogisch wertvollen Angeboten, ist der Schlüssel. Bundesweit sind wir da schon mal führend. Jugendherbergen an sich betreuen junge Leute gut an einem dritten Lernort, in einer Gruppe mit einer Phase von Übernachtungen, und das liefert gute Einflüsse fürs spätere Leben. Wenn also beide Voraussetzungen gut zusammengebracht werden, dann sind Jugendherbergen gut geeignet als außerschulischer Lernort.
Außerdem kann es nicht nur ein Ort des Lernens sein, sondern auch ein Ort des gemeinsamen mentalen Erholens. Gerade für Flüchtlinge, die sich erholen können, mit eigener Dusche und regelmäßigem Essen, ist so etwas wertvoll. Das ist natürlich stark runtergebrochen, aber gerade Kinder aus nicht so einfachen Familienumständen können so in Jugendherbergen Erholung erfahren. Und wenn man den Förderbergriff noch dazu nimmt, dann heißt es ja sogar „Kinder- und Jugenderholung“, und da haben gerade die ländlichen Jugendherbergen per se gute Rahmenbedingungen.

Eltern reagieren ganz unterschiedlich, wenn ihre Kinder zum ersten Mal ohne sie verreisen. Einige haben kein Problem damit, ihre Tochter für ein College-Jahr nach Amerika zu schicken, andere machen sich große Sorgen, wenn eine Klassenfahrt ins europäische Ausland führt. Wie sollten sich Eltern verhalten, damit ihre Kinder zuversichtlich in die Weite ziehen?

Wir plädieren natürlich dafür, dass Eltern eine unterstützende Haltung einnehmen. Die Frage ist natürlich, wie Eltern das Ganze unterstützen können. Das ist der Knackpunkt. Es gibt gesicherte Erkenntnisse darüber, dass, je enger und gebildeter eine Familie ist, in der Regel umso mehr über Möglichkeiten Bescheid weiß, und ihr Kind dabei unterstützt. Im Gegensatz dazu stehen natürlich weniger gebildete Familien, wo das nicht so gefördert wird. Der Ausweg ist, passende Bringangebote zu generieren durch Experten, die dort ansetzen, beispielsweise bei Elternabenden oder Lehrerkonferenzen. Man muss zu den Leuten hinfahren, denn die Leute kommen nicht selber zu einem. Die Aufgabe der Zukunft ist es, Strategien zu entwickeln und Informationen weiterzugeben an Eltern, wie gut es sein kann für ihre Kinder, wenn sie diese Möglichkeit bekommen.

Reisen erweitert den Horizont, daran besteht kein Zweifel. Doch welche Effekte hat das Reisen ganz konkret auf die Persönlichkeitsentwicklung von Heranwachsenden?

Da gibt es gesicherte Forschungsergebnisse: Es gibt eine Studie zu Langzeitwirkungen internationaler Jugendbegegnungen, die herausgearbeitet hat, was eine einmalige Teilnahme an einem internationalen Programm für den späteren Lebensweg bedeutet. Über die Hälfte haben dabei bestätigt, an weiteren Programmen teilgenommen und weitreichende Entwicklungen in ihrem Leben gestaltet oder eine biografische Wende für sich erlebt zu haben. Reisen ist nicht nur Bildung, sondern erweitert den Horizont, macht selbstsicherer, eröffnet eine neue Planung für das spätere Leben, für Beruf- und Privatleben. Dadurch, dass man reist, lernt man andere Kulturen und Welten kennen und trainiert das eigene Selbstbewusstsein, auch anderswo zurecht zu kommen.

Die Jugendherbergen im Nordwesten bieten eine Vielzahl an Kinder- und Jugendfreizeiten an. Von Trendsport bis Filmdreh ist einiges dabei. Welche Angebot gefällt Ihnen besonders?

Mein Favorit ist das grundsätzliche Angebot der Gemeinnützigkeit für Jugendliche im Vergleich zu anderen Institutionen, die nur noch aufs Geld gucken. Für uns ist es verpflichtend, dass es gemeinnützige Tätigkeiten sein müssen. Das ist in der Satzung bestimmt. Bei uns im Verband Weser-Ems wird da besonders viel Wert drauf gelegt und es gibt eine Vielzahl an Partnern, die helfen, genau das umzusetzen. Ich kenne nicht alle Angebote im Detail, aber weiß, dass das so ist und von Jahr zu Jahr dadurch mehr Geld verdient wurde, denn gute Programme tragen zur Wirtschaftlichkeit bei. Das Musik-Camp ist dabei natürlich toll und hat eine gute Außenwirkung. Auch das DJH-Junior-Team, bei dem wir uns mit jungen Leuten zusammengesetzt haben, um das Reisen für einzelreisende Jugendliche in Jugendherbergen attraktiver zu machen, ist eine tolle Sache, die viel Spaß macht. Dabei hebt sich der Landesverband insgesamt doch deutlich ab von anderen Verbänden.

Ich habe gehört, dass Sie als DJ dann und wann Platten auflegen. Daher eine abschließende Frage an den Musikkenner: Welcher Song passt Ihrer Ansicht nach hervorragend zum Spirit der Jugendherbergen? Welchen würden Sie auswählen, wenn der DJH auf der Suche nach einer Hymne wäre?

Das war natürlich früher so. Das ist jetzt bestimmt 20 Jahre her, dass ich regelmäßig aufgelegt habe, bei Schulungen für Teamer oder so. Das letzte Mal generell habe ich so vor 10 Jahren aufgelegt. Aber für diese Hymne kam mir die Idee, einen kleinen Wettbewerb mit Jugendlichen zu machen, um für das DJH eine Hymne auszuwählen.
Ich persönlich müsste länger nachdenken, denn wenn man den Song nicht selber komponiert hat, dann ist es sehr schwer. Zum Beispiel ‚Super-Girl‘ früher und heute in der Band-Fassung. Das sind bestimmte Rhythmen, wie auch bei ‚Wolke 4‘, die sich immer wieder finden in diesem Sommer, im nächsten Sommer aber vielleicht nicht mehr auftauchen. Wie zuvor Helene Fischer, die mittlerweile auch kaum noch jemand mehr hört. Das ist der wechselnde Zeitgeist.

Hier erfahrt Ihr mehr Über den Verein transfer.

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