Für eine Klassenfahrt ist man nie zu alt: Happy Birthday, Heinz!

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Abreisetag in der Jugendherberge am Glörsee. Es ist 8:30 Uhr, nach und nach trudeln die 30 TeilnehmerInnen der Klassenfahrt im Frühstücksraum ein. In bequemen Klamotten und mit kleinen Augen wird über die Party der vergangenen Nacht gesprochen. Wer war wann im Bett? Wie war der Schlaf? Warum klingelte der Wecker so früh? Und wo ist Überhaupt Louis? Es ist das übliche Szenario zwischen Bettenabziehen und Frühstücksbüffet, kurz bevor es wieder nach Hause geht. Mit einem entscheidenden Unterschied: Es ist keine Schulklasse, die hier gerade die vergangene Nacht Revue passieren lässt, es sind die Gäste von Heinz Hasken. Er hat gestern in der Jugendherberge am Glörsee in seinen runden Geburtstag reingefeiert. 80 Jahre ist er geworden!

Als ich vor einer Weile davon erfuhren, dass Familie Hasken eine Klassenfahrt in die Jugendherberge am Glörsee aus Anlass des 80. Geburtstag plant, war ich erst einmal baff. Und das Team der Jugendherberge selbst auch. Bereits im Frühjahr hatte Iris Hasken, die Ehefrau des Jubilars, Kontakt zu den jungen Herbergseltern David und Sabrina Emde aufgenommen und ihnen von ihrer Idee berichtet. Tischtennis, Stockbett, Diskoraum – Iris Hasken wollte das volle Programm. Eine Reise in die Vergangenheit, zwanglos, lebhaft, unvergesslich. „Viele Ältere Menschen richten einen Frühstücksbrunch zum runden Geburtstag in irgendeinem Café aus“, berichtet sie. „Das ist aber sehr beliebig und meiner Ansicht nach nichts Besonderes.“ Etwas Besonderes sollte es aber sein für ihren Mann, den ehemaligen Mathelehrer.

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Iris Hasken erinnerte sich zurück an eine Kindergartenfahrt in die Jugendherberge am Glörsee. Im Nu war die Idee einer Klassenfahrt geboren. Die Herbergseltern überlegten nicht lang: Solch einen außergewöhnlichen Einfall wollten sie unterstützen, auch wenn die organisatorischen und personellen Rahmenbedingungen solche privaten Gruppenveranstaltungen nicht standardmäßig vorsehen. Aber dass es zu schaffen ist, davon waren sie überzeugt. Und dass es zu schaffen ist, das habe ich am vergangenen Wochenende selbst erlebt. Denn ich durfte mitfeiern.

Gehört dazu: Betten beziehen

Familie Hasken sagte sofort zu, als ich sie fragte, ob ich bei ihrer besonderen Klassenfahrt dabei sein dürfte. Und so stand ich am Samstagnachmittag im Rezeptionsbereich der Jugendherbergen inmitten mir unbekannter Menschen, denen ich allerdings eins voraus hatte: Ich wusste bereits im Vorfeld, wie Heinz Hasken seinen 80. Geburtstag feiern würde. Für die offiziellen Gäste aus Nah und Fern war es hingegen eine Überraschung. Die Einladung hatte ihnen zuvor nur verraten, dass sie Hausschuhe, bequeme Kleidung, einen Tischtennisschläger und Offenheit für Nostalgie und Moderne einpacken sollten. Mit diesem Gepäck traf sich die Gruppe im Zuhause der Familie Hasken, von wo es in Kolonne mit den Autos nach Breckerfeld, an die die Glörtalsperre ging. Nun stehen sie da also und schauen noch etwas ratlos: Freunde, Nachbarn, Kommilitonen, ehemalige Kollegen und Angehörige von Heinz, der gerade noch 79 ist. Iris Hasken erhebt die Stimme: „Jetzt geht es an die Zimmervergabe. Wir gehen jetzt gemeinsam hoch, ich verteile die Schlüssel und sage Euch, wer in welchem Raum schläft. Eins ist klar: Männer und Frauen schlafen getrennt.“

Es geschieht wie verkündet. Eheleute teilen sich auf verschiedene Zimmer auf und die Betten werden gemacht. Außerdem: Erste Klassenfahrts-Erinnerungen ausgetauscht. „Früher gab es noch gemeinsame Etagenduschen für Jungs und Mädchen, die aber natürlich nicht gleichzeitig benutzt werden durften“, erzählt Ulrich. „Es gab ein Schild, mit dem man angeben konnte, welches Geschlecht gerade die Duschen benutzt.“ Ich erfahre außerdem, dass es früher zwei DJH-Karten gab: die Bleibekarte und die Mitgliedskarte. Und an die strengen Herbergseltern, die zur Nachtruhe mit gespitztem Ohr durch die Gänge patroullieren, erinnern sich natürlich alle.

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Nach dem Check-In in die Zimmer treffen wir uns im Speiseraum. Hier wird es gleich Abendessen geben. Damit jeder weiß, wer vor und neben ihm sitzt, sollen sich vorher alle kennenlernen. Es ist nämlich anders als ich vermutete: Ich bin nicht die einzige, die auf unbekannte Gesichter trifft. Ein Ball bricht das Eis – er wird zwischen den Gästen hin – und hergeworfen. Wer ihn fängt, erzählt etwas über sich und über seine Beziehung zum Geburtstagskind in spe – ich glaube, die Wollknäul-Version dieses Spieles kennen wir alle.

Mathe-Selbsthilfegruppen und frischgeschossenes Reh

Paul und Manfred, so erfahren wir im folgenden, gründeten mit Heinz Hasken im Studium eine Mathematik-Selbsthilfegruppe, ohne die das Lernen deutlich schwerer gefallen wäre. Rainer, der wie Heinz Lehrer am Schiller-Gymnasium Witten war, trifft sich noch heute zum Doppelkopf mit dem Gastgeber, und der in in Angola geborene Louis ist der Vater des Freundes von Heinz Tochter Verena. Sein Frau Anne hat wiederum elterliche Wurzeln in Brekerfeld und Klaus ist seit der Geburt von Heinz erster Tochter ein Freund der Familie… Nach und nach verknüpfen sich die kleinen Geschichten zum großen Lebensnetz von Heinz Hasken. Eins wird deutlich: Er hat schon viel erlebt und unternommen in seinem Leben. Viele Menschen haben seinen Weg gekreuzt und einige davon sind gern als Weggefährten geblieben. Mit Heinz verbinden sie Anekdoten, Kindergartenfeste oder gemeinsame Reisen. Und eine von Herzen kommende Sympathie.

„Es gibt frischgeschossenes Breckerfelder Reh.“ Bis ich vor dem Büffet fürs Abendessen stehe, halte ich die Worte von Sabrina Emde für einen Scherz. Als Stadtkind kann man sich wohl einfach nicht vorstellen, wie Jäger durch dunkle Wälder streifen und am Ende ein phantastisches Wildgulasch auf dem Teller landet…. Doch die Herbergsmutter hat nicht gescherzt: Es gibt tatsächlich Breckerfelder Reh. Dazu: Birnen mit Preiselbeeren, Klöße, Spätzle, einen frischen Feldsalat und so einiges mehr. Gleich gegenüber steht bereits der Nachtisch parat: Eine Himbeer-Mousse und Bratäpfel. „Das ist ja wie im Hotel“, raunen sich einige Gäste erstaunt zu, während Rosenkohl auf ihre Teller purzelt.

Dass in der Küche und in der Planung Fachleute am Werk sind, ist in der Tat nicht zu übersehen. Die Herbergseltern, sie kommen beide aus der Hotellerie. David Emde sogar aus einem Fünf-Sterne-Haus. Und auch die beiden Küchen-Mitarbeiterinnen, die sich an diesem Wochenende um das leibliche Wohl der Gäste sorgen, sind Expertinnen: eine gelernte Konditorin und eine Hotelfachfrau zaubern zwischen Töpfen und Tellern.

Nostalgie im Partykeller

Während die Geburtstagsgesellschaft bei Weißwein, Bier und Wildgulasch weiter ins Gespräch kommen, erkunde ich das Untergeschoss der Jugendherberge. Hier soll gleich ausgiebig gefeiert werden. Jugendherbergs-Mitarbeiterin Marina Walther und Sabrina Emde sind gerade dabei, den Kühlschrank des Diskoraumes mit Sekt, Bier, Cola und Wasser zu füllen, als ich in den Diskoraum trete.

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Sofort fühle ich mich zurückversetzt in meine Kindheit, in die 1980er Jahre, wo noch ziemlich viele Eigenheime ähnliche Partyräume im Keller hatten. Partykeller, in denen Männer zu Rockklassikern mit Schichtkollegen und Nachbarn an vertäfelten Tresen auf den Erfolg des Lieblingsfußballclubs anstießen, oder wir als Kinder beim Luftballontanz mit Schulfreunden 8. Geburtstage feierten. Inzwischen sind diese Partykeller zu Fitnessräumen oder Home Offices geworden. Nicht so in Jugendherbergen, da findet man sie hingegen noch oft. Und in ihnen meist Teenager, die sich für ihre Klassenfahrts-Party chic gemacht haben. Mädchen in Glitzeroberteilen mit Mascara auf den Wimpern und Jungs, die etwas zu viel Gel im Haar und zu viel Deo am Körper tragen.

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An diesem Abend geht es deutlich legerer zu. Flache Schuhe, Trekkinghose, gemütlicher Pulli. Heinz Hasken und seine Gäste strahlen eine solche entspannte Geselligkeit aus, als sie sich eine Stunde später im Diskoraum und im angrenzenden Tischtennisraum tummeln, dass ich schon zum zweiten Mal an diesem Tag feststelle, dass Iris Hasken wirklich alles richtig gemacht hat. Die einen kickern, die anderen erzählen, wieder andere kümmern sich um Musik und Getränke. Scheinbar am entspanntesten: der Jubilar selbst. Mit Händen in den Taschen lehnt er an der Wand des Tischtennisraumes und gibt den Schiedsrichter. „4 zu 1. 5 zu 1. 5 zu 2.“

Eine Diashow. Eine bewegende Rede vom Bruder. Dann viel Musik, Tanz, Geburtstagskuchen. Anstoßen, drücken, gratulieren, das neue Lebensjahr begrüßen. Bis 3 Uhr nachts wird gefeiert. Die ersten beiden, die im Bett sind, gehören zu den jüngsten. Ich bin eine davon.

Geo-Caching an der Glörtalsperre

8:15 Uhr am Morgen danach. Verena, Tochter des Geburtstagskindes, ihr Freund Philipp und ich sitzen als erste im Speiseraum. Philipp klammert sich an seinen zweiten Kaffee, Verena und ich schnacken über die vergangene Nacht. Und blättern durch das Freundesalbum, das zwischen uns liegt. Es ist das Geschenk von uns, dem DJH-Team, für Heinz Hasken. Es ist bereits bis auf wenige Seiten gefüllt und die Eintragungen unter „Das würde ich gern mal mit Dir machen“ zeigen, dass Heinz nicht langweilig werden wird in den kommenden Jahren. „Mit deinen Enkeln Ball spielen“, „Nochmal so ein schönes Fest wie heute mit Dir feiern“ und „Nochmal nach Heidelberg fahren“ lesen wir dort unter anderem.

Nach und nach trudeln alle Gäste ein. Das Frühstücksbüffet erwartet sie bereits. Kaffee, Rührei, Brötchen, Müsli… für Stärkung ist ausreichend gesorgt. Was dann noch fehlt, um richtig wach zu werden, ist frische Luft. Aber Iris Hasken hat natürlich auch daran gedacht und gemeinsam mit ihren Töchtern eine Geo-Caching-Tour vorbereitet. Draußen vor dem Fenster wirbelt Schneegriesel durch die Luft – für die unkomplizierten Freunde von Heinz Hasken kein Grund, drinnen zu bleiben. Dicke Socken, Mütze, robustes Schuhwerk, los geht die moderne Schnitzeljagd. Männer gegen Frauen, versteht sich. Während die Frauen bereits das erste Rätsel gelöst haben und mit Koordinaten in der Hand auf Schatzsuche an der Glörtalsperre sind, grübeln die Männer noch über ihrer ersten Textaufgabe: „Welches Wort endet auf …lauflauf?“ „Lauf Lauf??? Mhmmm…?“

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Irgendwann sind aber auch sie unterwegs. Während wir die bewaldete Strecke entlanglaufen, erzählt mir Heinz Hasken, welche Jugendherbergen ihm besonders in Erinnerung geblieben sind. „Das erste Mal überhaupt war ich in der Jugendherberge Torfhaus. Weiß gar nicht, ob es die heute noch gibt. Da war ich zum Skifahren. Ich weiß noch: In dem Jahr lag im Harz mehr Schnee als in Bayern.“ Und dann fällt ihm noch eine andere Geschichte ein: „Ich war mal mit einem Freund in der Lüneburger Heide unterwegs, wandern. Dieser Freund hat jedes Jahr Silvester mit seiner Pfadfindergruppe auf der Burg Altena verbracht. Das ist ja auch eine Jugendherberge. Jedenfalls wanderten wir so durch die Heide und irgendwann blieb mein Freund wie vom Donner gerührt stehen und lief dann blitzschnell und mit großem Hallo auf einen Mann zu. Wie sich rausstellte, war das der Leiter der Jugendherberge Burg Altena, der gerade erst an die Jugendherberge Undeloh gewechselt ist.“ „Ah, zur Burg Altena hab ich auch noch was“, fällt Heinz? Schwager?? Werner?? ein. „Da waren wir letztens und sind mit dem Erlebnisfahrstuhl hochgefahren. Kennt Ihr den?“ Wir schütteln den Kopf. „Der ist total klasse. Während man mit ihm hoch auf die Burg gefahren wird, kommt man nicht nur an Schaukästen mit Informationen vorbei, sondern es gucken plötzlich auch Ritter aus der Wand. Da gibt es ganz viel Unterhaltsames“ (Nachtrag: Ich habe inzwischen im Netz nach weiteren Informationen zu diesem Aufzug gesucht und dieses interessante Video gefunden: Erlebnisaufzug Burg Altena)

Die frischgebackenen Geo-Cacher scheuen keine Mühen, die kleinen silbernen Dosen mit neuen Rätseln und Koordinaten zu finden. Nach gut einer Stunde versammelt sich die Runde wieder vor der Jugendherberge. Die Frauen haben es schneller geschafft und gehen als Siegerinnen aus dem Vormittag hervor. „Und? Sind sie zufrieden mit dem Start in das neue Lebensjahr?, frage ich Heinz Hasken. Er schmunzelt. „Joa. Hier ist ja einiges losgewesen.“

Ich gebe meinen Schlüssel an der Rezeption ab und stelle dem Team der Jugendherberge die nahezu gleiche Frage: „Seid Ihr zufrieden mit den Verlauf des Wochenendes?“ Sabrina Emde nickt. „Es war toll zu sehen, dass wir auch bei einer solch ungewohnten Veranstaltung Hand in Hand arbeiten konnten und als Team gut funktioniert haben.“

Die Jugendherberge am Glörsee ist ein 123 Betten-Haus, das sich im Klassenfahrtbereich vor allem an Grundschul- und Unterstufen-Klassen wendet. Die Jugendherberge wurde vergangenes Frühjahr umfangreich modernisiert und mit einer zusätzlichen Grillhütte sowie neuen Spielgeräten ausgestattet. Mehr rund um das Thema Klassenfahrt findet Ihr in unserer Serie „Auf Klassenfahrt – Allein und im Team wachsen„.

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