Das Jugendherbergsgefühl in Architektur übersetzen: „Brand on Bau“ macht´s!

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Gar nicht selten entstehen die wegweisendsten Ideen bei einem geselligen Zusammensein. Oft tragen diese Einfälle dann einen spontan gefundenen Namen, der sich im Nu fest im Sprachgebrauch verankert und bald nicht mehr wegzudenken ist. Zwei Phänomene, die auch auf „Brand on Bau“ zutreffen. Hinter diesem vor drei Jahren an einem Restauranttisch in XX entstandenen „dengschlischen“ Slogan verbirgt sich heute ein 110 Seiten starkes Handbuch, das maßgeblich darüber entscheidet, wie Ihr Euch bei einem Aufenthalt in den Jugendherbergen im Nordwesten und in Bayern fühlt. Denn „Brand on Bau“ definiert, wie diese Jugendherbergen nach Bau, Umbau oder einer Modernisierung in Zukunft aussehen werden.

Unternehmensarchitektur – so kann man das Thema nennen, um das es bei „Brand on Bau“ geht. Die zentrale Frage lautet: Wie kann der Markenkern der Jugendherbergen („Gemeinschaft erleben“) auch in der Gestaltung der einzelnen Häuser erkennbar werden? Anders als bei viele Unternehmen üblich, geht es den Jugendherbergen im Nordwesten sowie in Bayern dabei allerdings nicht um eine optische Vereinheitlichung, sondern um Wiedererkennung hinsichtlich Atmosphäre und Raumgefühl. Oder wie es Thorsten Richter, Geschäftsführer des DJH-Landesverbandes im Nordwesten, zusammenfasst: „Es geht nicht um den Look, es geht um das Feel“.

Doch wie genau muss man sich das vorstellen? Um das besser zu verstehen, habe ich mir gemeinsam mit Thorsten Richter die aktuellen Planungsskizzen für den Umbau der Jugendherberge Borkum angeschaut. Es ist das erste Großprojekt im Nordwesten, das entsprechend des 2015 verabschiedeten Handbuchs „Brand on Bau“ umgesetzt wird. In kleinerem Umfang wurden die Maßgaben bereits bei der Modernisierung und Erweiterung der Speisesäle der Jugendherbergen Thülsfeld und Schillighörn berücksichtigt. In Bayern sind die neuen Häuser in Nürnberg und Bayreuth nach den Vorgaben des Handbuches umgebaut worden.

DIE DREI ZIELE VON BRAND ON BAU

Individualität fördern, unverwechselbare Räume schaffen und Marke zeigen – das sind die drei Zielvorgaben, denen Bauprojekte künftig gerecht werden müssen. Schauen wir uns einmal an, was darunter genau zu verstehen ist und wie diese Ziele in Borkum verwirklicht werden sollen. 

Individualität fördern

Man muss kein Architektur-Fachmann sein, um festzustellen, dass jede Jugendherberge unterschiedliche bauliche Voraussetzungen hat. Die Gebäude-Vielfalt reicht von historischen Burgmauern über kleine Bungalows und modern verglaste Neubauten bis hin zu ehemaligen Marinekasernen. Aber genau das macht die Marke Jugendherberge ja auch so spannend: kein Haus ist wie das andere.

Die Jugendherbergen im Nordwesten und in Bayern schätzen diesen individuellen Charme so sehr, dass sie ihn nicht nur erhalten, sondern künftig noch stärker betonen wollen. Dabei spielt Regionalität die entscheidende Rolle: Die Gestaltung der Räume, die Auswahl der Möbel, die Verwendung der Farben – das alles soll durch die direkte Umgebung der Jugendherberge inspiriert sein. Ein urbanes Haus sieht also auch künftig noch immer ganz anders aus als eines an der Nordsee – und doch folgen sie einem gemeinsamen Prinzip: ihre Gestaltung leitet sich aus der Region ab.

Sobald ein Bauprojekt geplant wird, kommen dafür verschiedene kreative, kluge und erfahrene Köpfe zusammen, um zu brainstormen: Vertreter der jeweiligen Jugendherberge, Marketingmitarbeiter des Landesverbandes, Touristiker der Region sowie der begleitende Architekt. Gemeinsam erstellen sie sogenannte Moodboards, also Sammlungen von Fotos, Grafiken oder Ansichten, die ihrer Meinung nach das Umfeld der Jugendherberge gut wiedergeben. Es entstehen Moodboards zu Motiven, zu Materialien und zu Farben. Entscheidend bei diesem Schritt ist, dass die Bilder nicht nur konkrete Räume, Gegenstände, Produkte etc. zeigen, sondern über ihre stimmungsvolle Wirkung ein Gefühl zum Erleben der neuen Räume geben können.

Für die Umgestaltung der Jugendherberge Borkum sahen die Moodboards zum Beispiel so aus:

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Knallrot wie ein Leuchtturm, gestreift wie ein Strandzelt, hügelig wie eine Dünenlandschaft soll die Jugendherberge Borkum künftig sein. Es wird über Wandverkleidungen nachgedacht, die an Fischschuppen erinnern, und über Lampen aus Wasserrohren. Stahl und Holz werden die Materialien sein, die Euch vor Ort dann überwiegend beheimaten. Wenn sich alle Plänen verwirklichen lassen, wird es industriell-maritim.

Ergänzend zu den Moodboards werden im Auftakt-Workshop für ein neues Bauvorhaben Worte zusammengestellt, die das Lebensgefühl vor Ort beschreiben. Bei diesem Wortimaging blieben für die Jugendherberge Borkum am Ende vier Schlüsselbegriffe übrig, hinter denen sich alle versammeln konnten und die für die Umgestaltung des großen Geländes auf der Nordseeinsel zusätzlich zur Bild- und Materialsprache wegweisend sein werden: „authentisch“, „in Bewegung“, „behaglich“ und „faszinierend“.

Unverwechselbare Räume schaffen

„Das ist doch die Jugendherberge, in der …. (Platz für eine bauliche Phantasie Eurer Wahl), oder?“ Wenn es in Zukunft gelingt, in jeder Jugendherberge einen unverwechselbaren Raum zu schaffen, den man sonst nirgends findet, dann werden die Urheber des Brand on Bau-Handbuches sehr glücklich sein, denn genau dieser „Wow-Effekt“ ist ihr Ziel.

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Borkumer Beispiel gefällig? Gerne. Eine der Ideen, die Thorsten Richter und sein Team verwirklichen möchten, sind „Deichhäuser“. Die große Jugendherberge liegt direkt am Wattenmeer, lediglich ein kleiner Deich ist zu überwinden. Aber warum eigentlich nur überwinden, wenn man ihn auch als phantastischen und außergewöhnlichen Ort zum Übernachten nutzen kann? Dafür sollen Euch als Gast bald alte, zu einem experimentellen Zimmer umgestaltete Schiffscontainer zur Verfügung stehen. Mit Dusche, WC, Stockbett – und Wattblick! Aus eigener Erfahrung kann ich Euch sagen: Morgens um halb sieben die Sonne über dem Schlick aufgehen zu sehen, ist phänomenal. Wie großartig muss das erst sein, wenn man das direkt aus dem Bett genießen kann? Und die Deichhäuser sind nur ein Beispiel von verschiedenen Ideen für unkonventionelle Orte drinnen und draußen. Ein Slackline-Parcours zwischen ehemaligen Schießwänden, Watt Lofts und ein Minigolfdünen sind weitere.

Unverwechselbar Jugendherberge soll an allen Standorten gleichermaßen das Lagerfeuer 2.0 sein. Ein ultimatives Zentrum, dessen Gestaltung Gemeinschaftserlebnisse begünstigt und jeden Gast mindestens einmal in seinen Bann zieht. Dieses Must have ist das Ergebnis einer Erhebung: Menschen wurden gefragt, welches Bild sie malen würden, sollten sie das typische Jugendherbergs-Gefühl abbilden müssen. Die häufigste Antwort: „Ein Lagerfeuer.“ Diese eindeutige Assoziation wurde bei der Entwicklung von Brand on Bau ernst genommen und alle Beteiligten verständigten sich darauf, dass jedes Haus künftig einen zentralen Ort haben müsse, der genau das erfüllt, was für ein echtes Lagerfeuer typisch ist: Man kann jederzeit zu den bereits Anwesenden hinzukommen, man rückt gesprächsbereit zusammen, man fühlt sich behaglich, kann aber auch jederzeit ohne weitere Verpflichtungen wieder fortgehen. Das Lagerfeuer 2.0 bildet den Mittelpunkt eines Multifunktionsraumes. Vorbei die Zeit, in der Kiosk, Speisesaal, Aufenthaltsraum und Kinderspielecke voneinander getrennt waren. Brand on Bau sieht Räume vor, die fließend organisiert sind und unterschiedlichen Bedürfnissen gerecht werden.

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Auf Borkum wird das Zentrum aus dem heutige Speisesaal und dem davorliegenden Außenbereich entstehen. Der zentrale Treffpunkt, an dem Kiosk, Tee-Lounge, Wintergarten, Speisesaal und eine Pinte harmonisch miteinander verschmelzen, öffnet sich dann dank einer Terrasse nach außen. Dort, wo heute die Kartbahn zu finden ist, wird eine Dünen- und Spiellandschaft mit Röhrentelefonen, Spielstämmen und Strandkörben entstehen.

Marke zeigen

Klar, auch die Jugendherbergen verzichten künftig nicht darauf, ihre klassischen Erkennungszeichen zu nutzen. Logo, Farbe und Schrift sind festgelegt, auch die jeweilige Anwendung. Aber zu den Markenzeichen gehören noch ganz andere Elemente.

Das Lagerfeuer 1.0 beispielsweise. Wie oben ausführlich erklärt, ist das Lagerfeuer eine Art Symbol für Gemeinschaftserlebnisse. Daher ist es auch im ganz konkreten Sinne ein Muss für alle künftigen Bauprojekte. Es gibt noch keine Lagerfeuer? Dann muss eine Lagefeuerstelle geschaffen werden. Es ist verwaist oder unattraktiv? Dann muss es reaktiviert oder neu gestaltet werden.

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Ein weiterer Baustein, um Marke zu zeigen, sind die Markenmöbel. Nein, das Mobiliar soll nicht überall gleich aussehen. Ganz im Gegenteil! Es darf durchaus in den Materialien, der Farbe oder dem Stil von Haus zu Haus unterschiedlich sein. Muss es sogar, weil jedes Haus wie oben erklärt einem eigenen Innengestaltungskonzept folgt. Entscheidender ist die Funktionalität des jeweiligen Mobiliars, darin muss ein roter Faden erkennbar sein. Was damit gemeint ist? Nun, stellt Euch zum Beispiel mal vor, Ihr wärt Chef der Jugendherbergen und dürftet über eine typische DJH-Sitzgelegenheit zum Entspannen entschieden. Wie sähe sie aus? Thorsten Richter hat da eine ganz klare Antwort: „Das wäre niemals ein Sessel, Stuhl oder ähnliches, in dem nur eine Person Platz findet. Ob Couchwürfel, Hängematte oder Sitzsack – unserem Slogan Gemeinschaft erleben wird solch ein Möbelstück nur gerecht, wenn er grundätzlich Platz für mehrere Personen bietet.“

Ihr seht, die Jugendherbergen im Nordwesten und in Bayern überlassen bei Ihrer Planung nichts dem Zufall. Das Handbuch „Brand on Bau“, das natürlich noch viele weitere Aspekte als die von mir exemplarisch herausgegriffenen enthält, gibt vor, was die Bau-Teams und Planer berücksichtigen müssen – und warum. Es wird natürlich noch ein, zwei Jahrzehnte dauern, bis die Philosophie des Handbuches an zahlreichen Standorten erfahrbar wird, aber die Jugendherbergen Borkum, Langeoog, Würzburg und Lindau werden schon bald einen Vorgeschmack darauf geben, worauf Ihr Euch freuen könnt.

Grafiken, Moodboards und Zeichungen: Duelli Architekten GmbH

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